Seealpen 2026 - Tag 7 - Col de St.Roch und Braus

Es war schon wieder so weit. Der letzte Tag meiner Radwoche war angebrochen. Ich war immer noch unsicher, welche Tour ich fahren sollte. Zum einen wollte ich natürlich den erstellten Plan umsetzten und noch einmal eine große Tour fahren. Auf der anderen Seite merkte ich die Anstrengungen der vergangenen Tage und machte mir Gedanken, ob ich denn nach einer langen Tour auch genügend Zeit hätte mein Rad wieder ordentlich zu verpacken. Hinzu kam, dass bei der angedachten Tour nochmal ein richtig schwerer Berg mit 7,8% über 10 km auf dem Programm stand. Am Ende entschied dann aber doch die „Gier“ die Tage so weit irgendwie möglich auszureizen.

Trotz der Anstrengung vom Vortag war ich heute früher wach als sonst und so stand ich bereits um kurz nach sieben Uhr beim Bäcker und bestellte mir mein übliches Frühstück. Dann hieß es die geplanten 128Kilometer anzugehen. Der Anfang war einfach. Es ging erst einmal erneut nach Nizza. Diesen Abschnitt kannte ich inzwischen so gut, dass ich gar nicht auf das Navi schauen musste, um zu Wissen wo ich lang musste. Es herrschte der übliche Verkehr, doch daran hatte ich mich inzwischen auch schon irgendwie gewöhnt. Hinter Nizza wurde es auch wieder deutlich ruhiger. Weiter sollte es nach Contes gehen. An einem Kreisel sah ich ein Schild, auf dem Contes für Radfahrer angeschlagen war. Dieser Weg führte leicht neben der Hauptstraße entlang. Ich machte noch einen kurzen Check auf dem Garmin und entschied mich dann dieser Beschilderung zu folgen. Die Umgehung war vielleicht 2-3 Kilometer lang, doch war viel weniger Verkehr. Solche Schilder wollte ich mir für die Zukunft merken.

Ab Contes stand dann der erste längere Anstieg an. Es sollte gut 9 Kilometer bis rauf nach Coaraze gehen. Dabei waren 433 Höhenmeter zu bezwingen. Die Auffahrt war sehr schön, wenn es auch fast etwas zu warm war. Ich hatte in Contes meine Trinkflaschen noch aufgefüllt und diese auch dringend benötigt. In Coaraze war ein Zwischenstopp eingeplant. Erst wollte ich diesen nicht machen, dann entschied ich mich aber doch auf einen Kaffee und ein Croissant anzuhalten. Ich genoss die Ruhe und die Stärkung, machte ich aber dann auch wieder auf den Weg. Das Schild zum Col de St Roch stand auch am Ortsausgang, wo ich noch meine Trinkflaschen an einem Brunnen auffüllte. Hier starteten auch gerade drei andere Radler. Ein Mann mit zwei Frauen, wobei die eine mit einem e-Bike unterwegs war. Nach kurzer Zeit überholte ich diese auf der Abfahrt, dann ging es in den Anstieg zu Col de St. Roch. Ich schaute immer mal, ob die eben überholten Radler mich einholten, aber dieses war nicht der Fall. So kurbelte ich immer weiter den Anstieg hoch. Garmin hatte mir hier einen Anstieg von knapp 11Kilometern und 800 Höhenmetern angezeigt.

Dieser Anstieg war es auch gewesen, den ich auf der Tour heute etwas gefürchtet hatte. Im Widerspruch dazu waren immer die Schilder am Straßenrand, die bis zum Col gut 4 Kilometer weniger anzeigten. Auch die Steigung war etwas weniger, als die im Garmin genannten 7,4%. Beim Fotos machen sah ich die drei Radler dann deutlich weiter unten. Sie hatten sich auch auf den Weg nach oben gemacht. Nach einiger Zeit sah ich, dass der Mann sich alleine auf den Weg gemacht hatte und sichtbar schneller war als ich. Vielleicht hätte ich es ohne Stopps und mit Anstrengung geschafft vor ihm am Pass zu sein, aber mir war es dann doch wichtiger die Erinnerungsfotos zu machen und so fuhr er während eines Fotostopps an mir vorbei.

Mir drückte auch schon seit geraumer Zeit die Blase, doch hatte ich keine passende Stelle gefunden, an der ich mich ungestört erleichtern konnte. Schließlich fand ich einen Platz. Als ich fertig war kamen die beiden Frauen gerade an mir vorbei. Ich klemmte mich an die Frau ohne Motor, die auch etwas schneller unterwegs war. Erst musste ich mich anstrengen ihren Speed zu halten, doch dann hatte ich meinen Rhythmus gefunden und merkte, dass ich zulegen konnte. Ich sah, dass sie eine Hose vom Dolomitenmarathon trug und fragte sie, wann sie ihn gefahren sei. Leider stellte sich erneut heraus, dass doch recht viele Franzosen kein Englisch sprechen, auch die jüngeren nicht. Ich verstand aber, dass sie den Maratona gar nicht gefahren war, der oder die Hoseninhaberin aber 2020 dort gewesen war. Ich schob noch nach, dass ich den Maratona  2014 gefahren war und stiefelte dann davon . Der Mann kam mir kurz danach von oben entgegen. Ich fuhr weiter zum Pass. Leider gab es kein ordentliches Passschild, was ich hier doch mehr erwartet hatte. Jetzt wurde mir auch klar, warum im Garmin der Anstieg länger war. Es ging jetzt noch einen kräftigen Abschnitt nach oben, auf 3,5 Kilometern sollten annähernd 400 hm bewältigt werden. Also über 10% im Schnitt. Zwischendurch zeigte der Tacho auch mal 18% an. Das wurde echt hart. Hinzu kam, dass mein Wasser langsam zur Neige ging und nach Plan die nächste Option zum auffüllen noch weit weg war.

Auf den Schildern am Straßenrand stand immer etwas von Col d l’Orme, doch oben angekommen war leider kein Passschild zu finden. Leider gab es auch keine Möglichkeit sich irgendwo kurz hinzusetzen, so musste ich meine Pause im Stehen machen. Es ging ein Stück bergab und dann kam tatsächlich das Passschild. Es war aber eher in einer Senke als oben, dafür war es dort sehr idyllisch und eine Herde Maultiere graste in der Umgebung. Dann ging es wieder etwas bergauf und ehe ich mich versah kam schon das nächste Passschild, der Col de l’Able. Ein kurzes Passfoto und schon ging es weiter. Ich nahm im Anschluss noch den kurzen Abstecher hinauf zum Col de Braus in der Hoffnung dort gestern vielleicht eine Wasserstelle übersehen zu haben, doch dem war nicht so. Meine Trinkflaschen war nahezu leer und ich hatte noch gute 10km bis zu einer eingetragenen Wasserstelle. Nach rund 2/3 der Strecke kam ich durch einen kleinen Ort und sah eine Kirche. Da dort meistens auch Brunnen sind, bog ich von der Hauptstraße ab und schaute ob ich etwas fand. Leider war auf dem Platz kein Brunnen. Ich sah aber dann an einer Wand Wasser herauskommen. Es sprudelte allerdings aus einer Klappe heraus und sah nicht so richtig vertrauenswürdig aus. Daher war ich mir auch unsicher, ob ich dieses Wasser nutzen sollte. In dem Moment kam ein Einheimischer und fragte mich, ob ich Wasser benötige. Er wies mich darauf hin, das dieses Wasser nicht geeignet sei, da es Spuren von Arsen enthalte. Die Einheimischen kämen damit klar, aber ich sollte es vielleicht nicht trinken. Er verwies mich aber auf einen Hahn 5m oberhalb hin. Dieses Wasser können ich unbedenklich benutzen. Ich bedanke mich vielmals und füllte meine Flaschen.

 Dann ging es weiter. Jetzt kam ich an die eigentliche Wasserstelle, die ich gleich wiedererkannte, da hier der Brunnen zwar gesperrt war, aber gegenüber die öffentliche Toilette mit Waschbecken war. Ich nahm einen weiteren großen Schluck, um mein Defizit etwas auszugleichen und füllte meine Flaschen erneut. Jetzt kam der vorletzte Anstieg. Er war mit gut 4km und rund 250hm nicht so hart und ich ließ es locker angehen, da ich bereits etwas Wehmut verspürte, da meine Tour bald ein Ende haben würde. Oben an der Kuppe hielt ich an und nahm noch einen Riegel zu mir. In dem Moment kamen 5 Radler ebenfalls an. Drei Männer und zwei Frauen, alle deutlich jünger als ich, top durchgestylt und austrainiert. Ich fand es schon ein wenig befremdlich, dass sie mich völlig ignorierten, zumal ich ja vor ihnen hier gewesen war. So fuhr ich vor ihnen wieder los und rollte recht entspannt den Berg runter. Kurz vor Ende der Abfahrt überholten sie mich und ich rollte hinterher. Sie schienen denselben Weg wie ich zu nehmen.

Ich war gespannt, ob ich mit den Frauen würde mithalten können. Bei den Männern machte ich mir keine Hoffnung. Gleich am Fuß des Berges wurden sie aber doch recht langsam und ich fuhr an ihnen vorbei, zumal sie sich doch recht breit auf der Straße machten. Ich nahm mir vor möglichst lange vor ihnen zu bleiben und hielt meine Wattzahl zwischen 250 und 280 Watt. In den Kurven schaute ich zurück, aber sie kamen nicht näher. Einmal sah ich sie, in Reihe weiter unten fahren, doch mehr nicht. In dem Moment überholte mich ein sehr austrainierter Radler, der sehr nach einem Profi aussah, was sich später bei meiner Strava–Recherche auch bestätigte. Es handelte sich um Thibault Guernalec. Einen Profi auf des Team Total Energies. Ich nahm ihn kurz von hinten auf, denn dranbleiben war keine Option, auch wenn er wohl eher im GA2 Bereich unterwegs war. Trotzdem gab mir dieses eine neue Motivation und ich versuchte den Druck aufrecht zu halten.

Ca. 600m vor dem Gipfel erwischte mich dann aber doch ein Krampf im rechten Bein. Ich musste anhalten, ob ich wollte oder nicht. Ich nutzte die Zeit für ein Foto und schaute immer wieder die Straße runter, ob die anderen ankommen würden. Doch sie waren nicht zu sehen. Langsam im kleinsten Gang fuhr ich wieder los und versuchte den Rest ohne viel Druck zu bewältigen. Oben machte ich ein Foto vom Passschild. In dem Moment als ich wieder losfuhr sah ich die Gruppe auf den letzten Metern. Ich hatte sie also trotz meiner Zwangspause an diesem Berg geschlagen. Meine spätere Strava-Recherche ergab, dass es sich um Italiener gehandelt hatte und sie waren auch nicht schneller als ich unterwegs gewesen. Allerdings hatten die Männer den Madone rund 7 Minuten schneller genommen als ich.

Jetzt hieß es nur noch mehr oder weniger bergab nach Nizza. Der Verkehr in der Stadt war nicht ganz so schlimm und dann noch die Promenade entlang zurück nach Cagne-sur-Mer. Hier tat mir, wie in den Tagen zuvor, dann doch der Hintern wieder etwas weh und ich war ganz froh gut durch die Tour gekommen zu sein. Ich prüfte noch wo die Bushaltestelle für meine morgige Rückreise sein würde. Dann ging es noch ans einkaufen, das Rad verpacken und erholen.