Gran Canaria 2021 - Tag 5 - San Bartolome

Am Abend zuvor hatte ich mir nochmal meine Touren angeschaut und überlegt was ich machen soll. Im ursprünglichen Programm stand die Auffahrt nach San Bartolome und die Umrundung des Pico an. Da ich jedoch bereits einige andere interessante Abzweigungen gesehen hatte und mir der tolle Asphalt von der gestrigen Abfahrt vom Pico nicht aus dem Kopf ging, entschied ich mich meine Umrundung nicht zu fahren, sondern nochmal eine größere Strecke zu machen. Immerhin wären bei der ursprünglichen Tour auch über 3000 Höhenmeter zu bewältigen gewesen. Ich beschloss zwei Anstiege in die Tour einzubauen. Zum einen eine erste Auffahrt nach San Bartolome, dann wieder hinunter nach Aguemes, um dann die Auffahrt mit der tollen Straße zum Pico zu machen. Anschließend sollte es hinten rum in Richtung Mogan und dem Abzweig nach Horno gehen. Mir war klar, dass gerade die Schlussstrecke gegen den Wind sein würde, doch dachte ich mir rund 12 Kilometer werde ich schon schaffen.  

Der erste Anstieg ging auch gut, inzwischen kannte ich die Strecke doch so gut, dass ich wusste was mich erwartet und ich teilte mir meine Kräfte gut ein. Das Wetter war allerdings nicht ganz so gut, wie in  den letzten Tagen und dichte Wolkenbänder zogen die Berge entlang. Je höher ich kam, umso feuchter wurde es und ich zog auch meine Regenjacke an, um mich vor dem kühlen feuchten Wetter zu schützen. In San Bartolome machte ich eine richtige Pause mit einem Kaffee und einem Bocadillo. Dieses war richtig frisch und auch noch warm, was mir bei dem Wetter entgegen kam. Auch konnte ich drinnen sitzen und mich ein wenig aufwärmen. Die geplante Abfahrt sollte mich über den steilen Anstieg führen, von dem ich bei Quäldich gelesen hatte. Umso überraschter war ich, als die Strecke eher harmlos wirkte und nicht die steilen Abschnitte beinhaltete, die ich erwartet hatte. Im wieder dachte ich hinter der nächsten Kurve muss es aber jetzt so richtig hinunter gehen, doch so kam es nicht. Die Strecke war eher wellig und zog sich am Grat entlang. So ging mir bereits eine Planung für den kommenden Tag durch den Kopf.

Doch erst einmal ging es weiter in Richtung Aguemes. Dort „durfte“ ich die steile Straße durch die Stadt hinauf und nicht hinunterfahren. Ich fand einen sehr guten Tritt und fuhr mit ordentlich Druck auf der Pedale den Anstieg hinauf. Sehr positiv viel mir erneut auf, dass die Autofahrer hier durch die Bank sehr rücksichtsvoll fuhren, eher abbremsten und immer mit genügend Abstand überholten. Auch wurde nie einer ungeduldig, weil er in der Steigung langsam hinter einem Radler steckte. Das würde in Berlin oder Brandenburg so nie geschehen.

Jetzt kam ich in den Bereich mit dem tollen Asphalt. Allerdings waren die Rampen, die sich mir ab Pasadilla entgegenstellten deutlich steiler, als ich sie bei der Abfahrt wahrgenommen hatte. Immer wieder ging es mit 20% und mehr über Wellen, die einfach nicht aufhören wollten. Welle für Welle kämpfte ich mich weiter nach oben. Meistens nur im Stehen, da ich im Sitzen die Kurbel nicht mehr rumdrücken konnte.  Dann kam ich an eine sehr steile Passage und es waren rund ein halbes duzend freilaufende Hunde unterwegs, die mich böse anbellte und die Zähne fletschten. Es kamen in dem Moment diverse Autofahrer vorbei, die mit ihren Hupen die Hunde etwas verscheuchten, da sie sahen, dass ich regelrecht bedrängt wurde. Die Hunde hielten kurz von mir ab, kamen aber direkt wieder. Von beiden Seiten bellten sie mich an. Einmal dachte ich, jetzt beißt er mir in das Bein. Ich schrie die Hunde an, die auch kurz zurückwichen aber gleich wieder da waren. Das alles passierte bei 15% Steigung und mehr. Anhalten wollte ich bei bestem Willen nicht, da ich nicht wusste, was die Hunde dann machen würden.  Einer der Autofahrer, der bereits an mir vorbei gefahren war hatte sogar noch angehalten, da er aufgrund meines Schreiens wollte gedacht hatte ich wäre gestürzt oder die Hunde hätten mich tatsächlich erwischt. Als er mich aber langsam den Berg hochkämpfen sah fuhr er dann doch weiter. Die Hunde ließen dann auch endlich von mir ab und ich war sehr froh diese sehr ungemütliche Situation heil überstanden zu haben. Leider wurde die Straße nicht flacher und immer wieder galt es sich die Wellen hochzustemmen. Eine letzte Kurve noch und der schwerste Teil des Anstiegs war überstanden. So steil hatte ich diesen Anstieg bei der Abfahrt gar nicht wahrgenommen und er hatte mich voll an meiner Grenzen gebracht. Trotzdem war ich auch stolz auf mich nicht abgestiegen zu sein.

Von hier an wusste ich würde es zwar noch reichlich bergauf gehen, doch mit machbaren Steigungsraten. Im Nebel hielt ich an und aß eine Banane und erholte mich. Dann ging es weiter. Das Navi sagte mir, dass ich noch rund 10 Kilometer und 600 Höhenmeter bis zum Pico vor mir hätte. Meter für Meter fuhr ich weiter. Auch hier kamen immer wieder steilere Abschnitte, doch war es nicht mehr ganz so brutal wir zuvor. Plötzlich fuhr mir Christian, der Radler, den ich gestern getroffen hatte, von oben entgegen und wir grüßten uns. Ich wartete noch kurz, ob er auf einen kleinen Austausch anhalten würde, doch fuhr er weiter.

An der Abzweigung zum Gipfel konnte ich es nicht lassen und fuhr die letzten 1 ½ Kilometer doch noch ganz nach oben, schließlich wollte ich mir nicht eingestehen so kurz vor dem Gipfel gekniffen zu haben, auch wenn dieser kleine Abstecher nicht geplant war. Oben machte ich einen kurzen Fotostop, zumal heute die Sicht deutlich besser war und ich konnte auf die Wolken, die ich durchfahren hatte hinabblicken. Ein toller Anblick! Mir war klar, dass jetzt nur noch kleinere Wellen auf dem Programm standen und entsprechend wohlgelaunt ging es in die Abfahrt.

An einem Cafe, dass mir die Tage schon aufgefallen war pausierte ich mit einem richtigen Essen. Es gab Makkaroni al Amitriciana. Allerdings waren diese doch echt eine Enttäuschung. Die Soße schmeckte, wie Ravioli aus der Dose. Wenigstens waren es Kohlenhydrate und es machte satt. Dann ging es weiter in die Abfahrt in Richtung Tauropass, doch bog ich kurz nach der Passhöhe ab, sonst wäre ich bis runter nach Mogan gefahren und hätte erneut die Fahrt durch den Tunnel wagen müssen.

An einer kleinen Welle fuhr ein anderer Radler mit einem Canyon Grail kraftvoll an mir vorbei und ich hatte keine Chance zu folgen. Die nun anstehende Abfahrt kannte ich bereits von unten herauf, da ich sie am ersten Tag gefahren war. Der schlechte Straßenbelag im oberen steilen Abschnitt machte mir ordentlich zu schaffen. Endlich kam ich auf die bessere Straße und konnte es rollen lassen. Leider blies der Wind kräftig das Tal hoch, so dass ich auf den flacheren Passagen ordentlich drücken musste, um auf Tempo zu bleiben. Die letzten 12 Kilometer entlang der Küstenstrasse gegen den Wind waren dann auch recht hart. Zur Motivationssteigerung überholte mich noch ein Fahrer. Ich konnte mich für eine Weile in seinem Windschatten halten, musste dann aber doch an einer der vielen Wellen abreißen lassen. Er setzte sich aber nicht so richtig ab, so dass ich meine Chance witterte doch wieder heranzukommen. An einer Welle nahm ich all meine Kraft zusammen und drückte sie mit viel Kraft rüber. Dabei konnte ich den anderen Fahrer überholen und stehen lassen. Jetzt galt es den Druck auf der Pedale zu halten um nicht gleich wieder eingeholt zu werden. So ging es über mehrere Wellen immer wieder mit dem Willen hier noch vor ihm rüberzukommen. Bis nach Maspalomas hinein konnte ich einen kleinen Abstand halten, dann fuhren wir getrennte Wege. Gerne hätte ich mich noch von ihm verabschiedet, da mir durch diese Battle es deutlich leichter gemacht hatte die Wellen mit dem Gegenwind zu überstehen. Ziemlich erschöpf, aber glücklich kam ich heil in Maspalomas wieder an.

Der Tacho zeigte am Ende 145 Kilometer und fast 3400 Höhenmeter. Also mehr als bei meiner Königstour vor zwei Tagen. Was für ein Ritt! Im nachhinein stellte ich fest, dass der Anstieg hinter Aguimes laut Quäldich als einer der härtesten in ganz Spanien gilt. Dem konnte ich nur beipflichten!

Auf meinem abendlichen Spaziergang zum Essen, sah ich auch überall Weihnachtsbeleuchtung aufleuchten, was schon irgendwie skurril anmutete.